Alan: Auf ein Wort
Ich bin’s Alan Hunter Brolin. Kommt euch bekannt vor? Gut möglich. Zumindest, wenn ihr die Reihe „Sehnsucht nach …“ gelesen habt. Dort spiele ich eine nicht unwichtige Rolle. Aber darum geht es hier nicht. „Alan, ein Rebell sucht seinen Weg“ ist meine Geschichte. Ein abgeschlossener, eigenständiger Roman. Maximal könnte man ihn als Prequel zur Reihe betrachten. Muss man nicht zwangsläufig. Ich wuchs in den Hamptons auf, dort wo andere Menschen Urlaub machen oder das Wochenende verbringen. Mein Vater war CEO eines Immobilienimperiums und sah in mir mehr den Erben als den Sohn. Selbst später im Erwachsenenalter wusste ich nicht so recht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Aber eines war schon in der Pubertät klar: Ich werde niemals die Firma übernehmen. Und so begann ich, zu rebellieren. Er konnte mich brechen und versuchen, mich anschließend nach seinen Vorstellungen wieder zusammenzusetzen. Aber ich wollte es unter keinen Umständen zulassen, dass er an Ende gewinnt. Interessiert euch, zu was ich bereit war, um niemals wie Sir – also mein Vater – zu werden, dann lest dieses Buch. Schipselzeit! Zwei Wochen bevor ich in Yale aufzuschlagen hätte, ruft mich Sir ins Allerheiligste. Ich habe das bereits erwartet. Jeden Tag damit gerechnet. Bin dementsprechend vorbereitet.Ich lausche seinem Vortrag über die Eliteuni und die Firma und seine Vorstellungen von meinem Leben eher halbherzig bis gar nicht. Dass sich seine Miene immer weiter verdüstert, liegt wohl daran, dass er von meinem gelangweilten Gesichtsausdruck abliest, wie wenig mich seine Pläne interessieren. Als er zu guter Letzt verstummt, atme ich tief durch.»An meiner Meinung hat sich nichts geändert. Ich werde nicht nach Yale gehen und niemals bei Brolin Real Estate einsteigen.«Ich sehe, wie es in ihm brodelt und er mir am liebsten das Wort abschneiden möchte. Eine Handbewegung meinerseits vermittelt, dass ich noch nicht fertig bin. Langsam stehe ich auf, greife in meine Hosentasche und ziehe eine kleine Karte hervor.»Ich werde als Boxer Karriere machen.« Mit diesen Worten werfe ich den Mitgliedsausweis von Ned’s Fight Club vor Sir auf den Schreibtisch. Eine komplette Woche der Sommerferien hat es mich gekostet, den wirklich zwielichtigsten Boxclub in ganz New York zu finden.Sirs wutverzerrtes Gesicht bestätigt, dass ich diesbezüglich einen hervorragenden Job geleistet habe.»Das wird nicht passieren!«, poltert er.»Und ob. Du wirst mich nicht davon abhalten.« Ich lasse mich von seiner Lautstärke anstecken.»Mäßige deinen Ton!«»Ja, Sir. Aber ich werde trotzdem Boxer.«»Das werden wir noch sehen.«»Werden wir.« Ich drehe mich um, will das Herrenzimmer verlassen.»Alan Hunter Brolin!«Ich stoppe und schaue über meine Schulter zu ihm.»Das hier ist also dein Ernst?«»Absolut.«»Meinetwegen geh. Aber dann stehst du allein da.«»Kein Problem.«Sir nickt abschätzig in Richtung Ausweis. »Nimm das hier mit.« Langsam und beherrscht gehe ich zurück zum Schreibtisch, schnappe mir das Kärtchen und verlasse den Raum, ohne mich noch einmal umzublicken. Für diese Nacht miete ich mir ein Hotelzimmer. Nichts Teures. Einfache Mittelklasse. Nur, um in einem echten Bett zu liegen. Entweder ist es die Einstimmung auf bessere Zeiten oder für lange Jahre meine letzte Gelegenheit, in einem Bett zu nächtigen.Um ein wenig runterzukommen, habe ich mir sogar billigen Whisky besorgt. Ich lasse mir die Flüssigkeit ohne den Umweg über ein Glas in den Hals laufen. Das Zeug schüttelt mich und ich stelle die Flasche beiseite. Lösche das Licht.Ich schlafe verdammt schlecht obwohl oder gerade, weil es wichtig ist, am nächsten Morgen ausgeschlafen zu sein. Immer wieder wache ich auf. Leide unter Albträumen. Grübele, ob es nicht einen anderen Weg gibt. Ob es nicht genügt, weniger drastisch vorzugehen. Seit ich ein Gespräch belauscht habe, weiß ich, dass ein Menschenleben gefordert ist, um Teil der Familie zu werden. Im Umkehrschluss gehe ich davon aus, dass nichts Geringeres als das den Ausstieg ermöglicht.Die Aussicht, mein Gewissen derart zu belasten, ist mir zuwider. Das bin ich nicht und will so nicht sein. Bereue in dieser Nacht nicht zum ersten Mal, mich auf Vito eingelassen zu haben. Das war leichtfertig, sicher hätte sich eine andere Möglichkeit ergeben, von der Straße wegzukommen.Oder auch nicht. Diese Überlegungen verändern nichts mehr. Klar ist inzwischen, wer mit dem Feuer spielt, verbrennt sich früher oder später.Schon ein Leben habe ich zerstört. Genau genommen war es Sir, aber ich mache mir nichts vor, meine Entscheidung hat dazu geführt.Was wenn Vito das Geschenk nicht akzeptiert? Lässt er mich nicht gehen, stirbt ein Unschuldiger umsonst. Verdammt, ich habe das Gefühl, dass egal in welche Richtung ich mich drehe, dort eine undurchdringliche Mauer wartet. Ich stehe unbeholfen in ihrem Zimmer und mein Blick huscht über die Bilder und Skizzen.»Na dann wollen wir mal«, sagt sie.Ich warte auf ihre Anweisungen, doch sie sieht mich nur an. Obgleich das Schweigen zwischen uns nicht unangenehm ist, würde ich es gern beenden.Nora kommt mir zuvor. »Zieh dich aus.«»Was?«»Du hast viel zu viel an.«Nichts hätte ich lieber von ihr gehört, aber ich ahne, dass sie mit dieser Aufforderung nicht das im Sinne hat, was mir vorschwebt. Komischerweise habe ich bis zu diesem Moment keinen Gedanken daran verschwendet, wie genau sie sich das Modellstehen vorstellt.»Es wird ein Akt.«Ein Seufzen stiehlt sich über meine Lippen. Nicht dass ich schüchtern bin oder unter irgendwelchen Minderwertigkeitskomplexen leide, die es unangenehm machen, mich hüllenlos zu zeigen. Einzig diese nüchterne Atmosphäre, die ich so nicht kenne, führt zu einem Zögern.»Komm schon, ist für mich nichts Neues.«Ihr freches Grinsen provoziert und ich lege langsam meine Sachen ab, bis ich nur noch den Slip trage.»Den auch.« Sie nickt mir zu.Ein paar Sekunden später stehe ich nackt in dem kleinen Raum. Ihr unbefangener Blick bringt mich zum Schmunzeln. Nora weist auf das Sofa und ich lasse mich dort nieder. Ohne Berührungsängste fasst sie mich an und dirigiert mich, bis ich schließlich so daliege, wie sie es sich vorstellt.Dann beginnt sie zu malen und ich beobachte sie dabei.Wenn sie sich konzentriert, presst sie auf eine niedliche Art die Lippen aufeinander. Ihre rechte Wange hat etwas Farbe abbekommen und am Liebsten würde ich aufstehen, und ihr diese vorsichtig aus dem Gesicht wischen.Wie sie mich betrachtet, jede Einzelheit meines Körpers in sich aufzunehmen versucht, um sie anschließend auf die Leinwand zu
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